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  • AutorenbildHelge Roland Schmidt

Leben als Aufgabe

Aktualisiert: 5. Jan. 2022





Ist das Leben eine zu erfüllende Aufgabe?


Wie geht es dir bei diesem Satz? Für manche mag er selbstverständlich sein.

Für andere ist er eine große Herausforderung. Ist doch so viel im Leben, was ich nicht bestimmen und beeinflussen kann.


Auf diese Gruppe möchte ich näher eingehen, genau genommen auf die fromm-religiöse Untergruppe. Für Menschen die davon ausgehen, dass alles im Leben nur Gnade ist, wird die eingangs gestellte Frage als Werke-Gerechtigkeit empfunden. Gnade ist keine zu erfüllende Aufgabe. Oder doch? Gnade entspringt der Liebe und Liebe drängt auf Erwiderung, ziemlich stark sogar. Hier haben wir es also mit einem großen Missverständnis zu tun. Der zweite Einwand lautet: Haben wir überhaupt einen freien Willen? Er kommt leider aus der gleichen Richtung, wird aber keineswegs nur von Frommen vertreten. Diese beiden Einwände sind eigentlich ein und derselbe, wie ich hier zeigen werde.


Alles Gnade?

Zunächst zur Gnade. Wofür Paulus im Hauptbrief des Neuen Testaments vehement wirbt und kämpft, ist die Rechtfertigung durch Gnade und vor allem durch Gnade allein. Dies steht sowohl im Römer- als auch im Galaterbrief ganz unmissverständlich. Alle, die anderer Meinung sind, stellen sich damit außerhalb dieser Grundwahrheit des Neuen Testaments. Das ist die Speerspitze des reformatorischen Glaubens. Am 31.10.1999 wurde die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre hier in Augsburg unterschrieben. Nach Jahrhunderten von Krieg und Entzweiung, haben katholische und evangelische Kirche diese Grundwahrheit dort fest verankert. Wie schön. Ich freue mich. Wir haben einen gemeinsamen Glauben.


Und jetzt kommt mein Einwand: Man kann die Wahrheiten der Bibel nicht auspressen wie eine Zitrone. Wie die naturwissenschaftlichen Gesetze, haben sie einen bestimmten Geltungsbereich, den man tunlichst beachten muss. Das gilt auch für die Gleichnisse Jesu. Wenn Er den ungerechten Haushalter lobt, weil er einen Teil der Habe seines Herrn entwendet, darf ich daraus nicht schließen, dass die Bibel Diebstahl gut heißt. Das Gleichnis bezieht sich nur auf eine bestimmte Kernaussage, auf einen bestimmten Punkt. So auch die krasse Aussage zur Rechtfertigung. Sie bezieht sich eben nur auf diesen einen Punkt. Rechtfertigung nur durch Gnade. Obwohl wir letztlich alles daraus entwickelt, ist es wichtig, hier keine lebensfremde Abkürzung zu nehmen. Die Gnade wirkt durch unser Tun und Handeln, durch unsere Verantwortung und unsere Entscheidungen, aber sie ist kein Automatismus.


Freier Wille?

Damit verbunden ist die Aussage vom freien oder unfreien Willen. Luthers berühmte Schrift zu diesem Thema (“Vom unfreien Willen“ 1525) ist eine Erwiderung auf Erasmus von Rotterdam und wird in diesem Zusammenhang sehr gerne zitiert. Luther bezeichnete sie als eine seiner Hauptschriften. In diesem kleinen Büchlein geht es auch um eine Zuspitzung auf nur einen Punkt: Rechtfertigung, also den inneren Zirkel, die Hauptsache des Glaubens. Luther hat mit Recht argumentiert, dass der Mensch vor Gott bankrott ist und aus eigener Kraft gar nicht nach Erlösung streben kann. Also kein freier Wille, sondern Gnade. Der Glaube soll nicht vom Humanismus verdunkelt werden.


Wenn man nun diese Lehre verallgemeinert, also sozusagen die Zitrone auspresst, könnte der Eindruck entstehen, dass der Mensch gar keinen freien Willen mehr habe. Aber davon ist in dem oben genannten Büchlein nicht die Rede. Es geht dort nur um die Rechtfertigung. Das war der einzige Punkt, allerdings auch der wichtigste für den Menschen des 16. Jahrhunderts.


Wenn jemand behauptet "ich lebe nur von der Gnade" klingt das sehr fromm, kann aber auch bedeuten, die Notwendigkeiten, Aufgaben und Chancen des Lebens zu übersehen. Zunächst aber wird die Last auf unseren Schultern leichter: „Ich mache nichts, Gott macht alles. Alles Gnade.“ Bonhoeffer würde das „billige Gnade“ nennen.


Tatsache ist, dass nicht alles vorbestimmt ist, sondern wir ein gewisses Maß an Freiheit haben, das uns als Menschen ausmacht. Der "Adel des Menschen" ist ohne Willensfreiheit nicht denkbar. Das wäre eine Selbsterniedrigung des Menschen (Erich Sauer - Der König der Erde).


So erklärt es sich auch, warum in Kriegszeiten, wo die Menschen fast gar keine Freiheitsgrade mehr haben, kaum psychosomatische Krankheiten auftraten. In dem Maße, wie in Friedenszeiten die Individualisierung wieder zunahm, traten diese Krankheiten, trotz Wohlstand, wieder auf.


Dies erklärt auch, warum Christen in aller Welt so unterschiedlich einflussreich und erfolgreich sind. Teilweise haben sie die Welt verändert, teilweise sind sie aber auch ohne jeden Einfluss auf die Gestaltung ihrer Umgebung und ihres Lebens geblieben. Dies wäre ein Thema für einen eigenen Beitrag.


Und damit meine Antwort auf die anfangs gestellte Frage: Ja, das Leben ist eine zu erfüllende Aufgabe, die ich mich nur durch die Gnade stellen kann.


In meinem nächsten Beitrag möchte ich mir die oben erwähnte Freiheit näher ansehen. Ist es nur eine Freiheit des Weges oder auch des Ziels?

Dann möchte ich einige Persönlichkeiten der Bibel beleuchten. Wie sind sie mit dem Thema „Leben als Aufgabe“ umgegangen?



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